Vom Wunderkind zum Großmeister des Designs: Mike Meiré

»Die wirklich interessanten Ansätze kommen genau dann, wenn der Einzelne bereit ist, seinen evolutionären Plan anzunehmen.« Seine Einstiegsthese kommentiert Mike Meiré im gleichen Atemzug so staubtrocken wie prägnant: »Ich weiß, das klingt jetzt erstmal Kacke ...«. Dabei ist seine Erklärung eigentlich recht simpel, denn am wichtigsten sind dem Designer, einst als Wunderkind des Designs gehypt und heute internationale Branchengröße, vor allem eher unmoderne Werte: Haltung. Subjektivität. Persönlichkeit. »Die Dinge polarisieren, weil sie so subjektiv sind. Das müssen sie. Sie müssen sogar weh tun.« Was in der Waagschale liegt, ist immer der Künstler selbst, so Meiré. Jenseits der eigenen Komfortzone, dort, »wo der innere Schweinehund keinen Einfluss mehr hat«, beginnt für Mike Meiré erst Kreativität, wird Kultur gemacht.

Andachtsvoller Umgang mit Kunst? Das ist für den Designer völlig weltfremd. Kunst gehört für ihn vom Sockel, mitten hinein ins Leben. Lustvoll, schmerzhaft, heiter und traurig, als explosive Mischung mitten aus dem Leben wieder hinein ins pralle Leben. Egal ob Auftragnehmer oder -geber, Täter und Opfer ist man sowieso immer gleichzeitig. Nimmt man diese Ambivalenz an, so Meiré, öffnet sich in der Ökonomie der Aufmerksamkeit der ein oder andere Knoten im Kopf. In ungewöhnlichen Denkmustern, aber auch an ungewöhnlichen Orten, konsequent gegen kreative und intellektuelle Blockaden.

Bakhmetevsky Bus Garage, Moskau, Baujahr 1926: Der spartanische, leicht verfallene Industriebau ist Namensgeber und Keimzelle eines neuen Projekts. Aus der ehemaligen Werkstatt für Busse weitergesponnen in die Werkstatt der Ideen wird zunächst eine Schriftform für den Magazintitel konstruiert; die Idee der Konstruktion entwickelt sich weiter in die visuelle Umsetzung, in Illustrationen und Fotografie. Ästhetische Codes aus Rhythmus und Konstruktion in der Gestaltung bilden ein Echo der Grundidee des »Garage Magazins« der russischen Unternehmerin und Kunstmäzenin Dasha Zhukova, die in ihrem Projekt Mode, Kunst und Literatur zu einem selbstverständlichem Gesamtkomplex verschmelzen möchte.

Aus der Zusammenarbeit mit Zhukova entstand ein weiteres Projekt: »Inked« - ein spannender visueller Essay über Identität und Persönlichkeit, bei dem Werke bekannter Künstler quasi zweckentfremdet auf die Haut von eigens via Casting dafür ausgesuchten Menschen tätowiert wurden. Frei nach John Baldessaris Zitat »no more boring art« ist und wird Kunst lebendig; in diesem Fall als Tattoo »I will not wear any boring tattoos« am Menschen; Kunst, die  buchstäblich unter die Haut geht, schmerzhaft beständig und unauslöschlich ist. Zu sehen unter anderem auf dem Porträt eines bärtigen Mannes: Auf einer seiner Schultern prangt ein Tribal, auf der anderen ein lächelndes Gesicht des Künstlers Richard Prince.

»Natürlich sind das Grenzgänge, « erzählt Meiré, »und natürlich kann dabei auch etwas heraus kommen, was nicht political correct ist.« Kunst als Grenzüberschreitung und -erforschung, als Neudefinition formaler Elemente hin zu gezielter Provokation, ähnlich wie bei David Moretti ist auch Meiré Konzept ein (gelungener) Versuch des Verführens und Aufstörens: Möge der Betrachter seine Komfortzone der festgefügten, präzisen Vorstellungen zu verlassen.

Kunst bedeutet für Mike Meiré vor allem Dialog – mit unterschiedlichen Aspekten und Wegkreuzungen; John Currins unvollendetes Gemälde auf dem Titel des »Garage Magazins« ist Metapher für Begegnung, aber zugleich auch für Evolution. Wird das spätere, fertige Werk dem Anspruch des Ausgangspunktes gerecht? Wird es nach Vollendung tatsächlich der Erwartung hinsichtlich Qualität und Ausführung gerecht, die das unvollendete Werk des Künstlers weckt und verspricht? Die Einmischung am Anfang der Wertschöpfungskette ist für Mike Meiré Voraussetzung: Für einen gelungenen Prozess der Weiterentwicklung, der das klare Bekenntnis aller Beteiligten zu einer Idee und zur Gratwanderung der Ästhetik fordert, um seinem eigenen Anspruch schlussendlich zu genügen. »In der Waagschale liegt immer der Künstler selbst.«

Interessantes Schlusswort von Mike Meiré: »Wenn Du die Jungen hast, kriegst Du den hot shit. Aber die Älteren, die haben einfach die besseren Geschichten, die Weisheit. Vielleicht ist auch das so ähnlich mit digital und analog.« Es wäre eine spannende Zukunftsvision für die duale Existenz beider Welten.

Mike Meiré im Netz: http://www.meireundmeire.de/

 

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