Session I – Illustration und Einführung

»Illustratoren in einer Schuhschachtel mit draufkopierten Handynummern«, so beschreibt Raban Ruddigkeit die unkonventionellen Anfänge von »Freistil«, einer Website, die rund 1000 Illustratoren vorstellt – mittlerweile alphabetisch sortiert, ergänzt um Geschichten und persönliche Profile der vertretenen Illustratoren, von denen Ruddigkeit fünf zu einem Gespräch versammelt hat:

»Was macht das Pony am Fließband?« fragt Katharina Gschwendner in ihrem Vortrag. Sie stellt freie Projekte  in Galerien und Museen aus, zeichnet mit Feder und Tusche, arbeitet mit ungewöhnlichen Material wie Plexiglas und braucht ihre Arbeit ansonsten »wie die Luft zum Arbeiten«. Ihre Bilder borden über von kleinen, zu entdeckenden Geschichten: Zwerge, die mit Riesen kämpfen, Bergarbeiter, die Verborgenes zu Tage fördern. Ihr Außenraum bleibt transparent, die von Katharina Gschwendtner geschaffenen Figuren bewegen sich darin, formen Erzählungen und Aussagen, die geprägt sind von ihrem visuellem Werdegang zwischen Holzbildhauerei, narrativer religiöser Kunst der »Totentänze« und Märchen.

»Mit dem, was Sie auf Ihren Zeichnungen weglassen, könnten Sie ganze Ausstellungshallen füllen« sagte ein Mitarbeiter des Berliner Tagesspiegel zu Martina Wember, als er über eine ihrer Ausstellungen schrieb. Sie selbst nennt ihre Arbeit trocken »Minimal Invasiv«; auf wenige Linien und Umrisse reduzierte Illustrationen sind konzentriert und auf wesentliches fokussiert. Durch diese Reduktion erst werden sie für den Betrachter auf den ersten Blick erkenn- und enträtselbar. Ihre minimalistische Darstellung wirkt auf liebenswerte Weise aus der Zeit gefallen: Illustrationen als visuelle Atempause der Entschleunigung in einer immer bildlastigeren, getösigeren Welt.

»Eigentlich ist man als Illustrator sehr distanziert in seinem stillen Kämmerchen. Wir wollten direkt vor Ort in Dakar Bilder er- und ausstellen.« beschreibt André Roesler seinen Aufenthalt in Afrika. Ein spannender Prozess während mehrerer Tage Arbeit, in denen sich mancher vom reinen Gebrauchsgrafiker zum künstlerischen Zeichner wandelte. Expressive Arbeiten, eine Installation aus gefundenen Objekten, eine vor Ort aus unterschiedlichen Ebenen und Elementen wirkten für Roesler nach: Aus den Eindrücken von Kraft, Chaos, Verschachtelung, gesellschaftlichen  Strukturen und Momenten entstand seine farbenfrohe, sinnliche Serie »Afrika«.

Daimler Benz, Stern, Süddeutsche Zeitung Magazin, Tiffany & Co. sind einige der zahlreichen Kunden, für die Illustratorin Tina Berning ihre Bildwelt kreiert. Als Gegenpol ihrer Arbeit bezeichnet sie ihr Blog »A Drawing A Day«: Freie Arbeit und bewusster Wechsel zwischen den unterschiedlichen Sphären der (Auftrags-)Illustration als Generator und Motor, um aus Kleinigkeiten und Fundstücken Neues zu schaffen – und zurück zu finden zu den Quellen eigener Inspiration. Ein großer, Tina Berning wichtiger Anteil ihrer Arbeit sind auch Porträts, die versuchen, der jeweiligen Person gerecht zu werden und ihr Wesen zu zeigen: Mitunter mit charmantem Eigenleben - wie einem sechsten Finger an der Hand von Papst Benedikt XVI.

Illustration ist vor allem subjektiv, sie polarisiert, so beschreibt Gabriele Dünwald die Faszination der Illustrationen; ihre Entwicklung des Flair Magazins und dessen Internetauftritts spiegeln diese Handschaft ebenso wieder wie das optische Konzept des Magazins »Hohe Luft«, das sich hauptsächlich mit Philosophie und Ideen dazu beschäftigt. Naheliegend für Gabriele Dünnwald: Diese Ideen mit Illustrationen umzusetzen; dabei dienst nur ein kurzes Exposé als Grundlage für beauftragte Illustratoren, eigenständige Bildwelten zu ihren individuellen Gedanken zu entwickeln. Größtmögliche Freiheit für alle an der jeweiligen Geschichte Beteiligten – für eine neue, überraschende und lebendige Art des visuellen Denkens.

Brückenschläge zwischen unterschiedlichen Persönlichkeiten bietet die Diskussionsrunde; Grafikdesign als gemeinsame Grundlage, Teamarbeit und Ideenentwicklung statt stillem Kämmerlein. Die Vorstellung der im »Vergleich zu Fotografie tiefgründigeren und inhaltlich wertvolleren Illustration« von Raban Ruddigkeit kontert Tina Berning:  Kein Konkurrenzkampf, keine Gewichtung, stattdessen sollte Illustration als eigenständiges Genre respektiert werden. In den Detailbeschreibungen ihres Arbeitsalltags liegt teils augenzwinkernde, teils ernsthafte Selbsterkenntnis und -positionierung der Runde. Zeitdruck, der zu besserer Arbeit verhilft. Auszeiten für Musenküsse und Gedankenblitze, der bewusste Verzicht auf eine Ausgabe des eigenen Magazins zwecks Ideenfindung und kreativer Rückbesinnung. Die Frage des Vertrauens der Auftraggeber – je größer es ist, desto mehr Ideen werden bei Illustratoren freisetzt. Konkurrenz zwischen digital und Print? Eher nicht, das eint die Runde, stattdessen setzen sie klare Differenzierung und bewusste Spezialisierung für unterschiedliche technische Plattformen. Zeit und Ruhe zum Anfassen und Blättern, das ist für die Runde kein Widerspruch zu Schnelligkeit, Reduktion und Chancen der digitalen Welt, sondern vor allem wertvolle Ergänzung: Bewegung und Klänge können – wie bei David Morettis »Wired« -  Illustrationen weitere, bereichernde Dimensionen hinzufügen und damit den Horizont des Lesers um genau diese mehrdimensionalen Erfahrungsebenen bereichern.

Illustration ist nicht tot, es lebe die Illustration.

Die Teilnehmer der Gesprächsrunde im Netz:

Raban Ruddigkeit
Katharina Gschwendtner
Martina Wember
André Roesler
Tina Berning
Gabriele Dünwald