Jeremy Leslie – This Golden Age

Vor acht Jahren hat Jeremy Leslie sein Blog »MagCulture« gegründet – zu einer Zeit, als es noch keine Experimente und Plattformen dieser Art, geschweige denn über Editorial Design gab. Der Gestalter lebt Magazinkultur, nicht nur eingegrenzt auf Print, sondern auch erweitert auf digitale Magazine. Diese grundsätzliche Haltung ist sein Mission Statement und wie das überaus erfolgreiche Blog mit angegliedertem Shop gleichzeitig Kontrastprogramm und »Oppositionspropaganda« (Zitat Leslie) zur Aussage »Print ist tot«. Es geht im Blog »MagCulture« weder um Nischenprodukte noch um Mainstream, sondern um die komplette Bandbreite des Editorial Design: »Wir sind vielformatig, wir sind Multimedia; alles fließt zusammen, das bringt Kreativität und das bedeutet dieses Goldene Zeitalter.«

»My Favorite Magazine« ist eine spannende, crowdgesourcte Sammlung von 88 Antworten aus der ganzen Welt: 88 Lieblingsmagazine von Gestaltern, in alphabetischer Reihenfolge vorgestellt, in bunter Mischung von Independent bis Mainstream. Jedes einzelne von ihnen ein Beleg für exzellente Gestaltung, für avantgardistische Ideen; der internationale Mix steht auch dafür, dass  - allen Krisen zum Trotz – nicht nur erfolgreiche große Magazine, sondern auch kleine, unabhängige Independent Magazine, genau genommen Nischenprodukte, ein überaus vitales Eigenleben entwickeln. Vom »Sunday Times Magazine« über »Harper's Bazaar« bis zu kleinen Magazinen bildet das Buch die komplette Bandbreite des Editorial Design ab. »The Modern Magazine«, Leslies neues Buch beschäftigt sich als Fortsetzung zehn Jahre später ebenfalls mit Magazindesign. Auf insgesamt 240 Seiten versammelt das Buch interessante Entwicklungen, um zu zeigen, wie gedruckte Magazine mit den Herausforderungen des digitalen Zeitalters umgehen, darauf reagieren und sich weiterentwickeln. In mehreren ausführlichen Essays bildet »The Modern Magazine« die Grundidee eines Magazins ab: Ein Ideensammlung, aus denen aus Einzelteilen ein neues Ganzes entsteht.

Insofern gibt es – zumindest wenn man von Jeremy Leslie vorgestellten Beispiele von »Wedding« bis »Surfers« betrachtet – keinen Grund für den sonst üblichen Branchenpessimismus: Neue Magazine werden erfunden, die mit ungewöhnlichen Mitteln haptische Erlebnisse bieten (Gummiband-Bindung!), sie sind visuell weniger glamourös gestaltet, aber dennoch fesselnd. Viele Zeitschriften ähneln einander, sind sehr sicher gestaltet, erzählen andere Geschichten als das, was man gewohnt ist vom Zeitungskiosk. »Apartamento«, das Magazin aus Barcelona, gehört zu diesen »anderen Zeitschriften«; für Leslie steht dahinter individuelle Erfahrung, urbane Identität, sehr persönliches Erzählen und Erleben. Realität und Authentizität statt Styling und virtueller Welten, ganz ohne Photoshop – das sind neben dem Können seiner Macher und ihrer Begeisterung für das Projekt Aspekte, die den Erfolg von Apartamento erst ermöglichen. Kreativ sein und dabei Spaß haben als Motor für kreative Neuerfindung und -positionierung, auf diese kurze Formel bringt Jeremy Leslie den erfolgreichen Weg vieler junger Magazine, nicht nur von »Apartamento«.

»Das ist das Goldene Zeitalter – eine herausfordernde, aber auch eine sehr spannende Zeit.« Allen Krisen zum Trotz ist das ein ein ermutigendes Fazit eines für Magazingestaltung prägenden Designers.

Jeremy Leslie im Netz: www.magculture.com