Harri Peccinotti – Depth of Field

Wer den Namen Harry Peccinotti hört, denkt an Sinnlichkeit und Erotik, hat den Pirelli Calender im Sinn, den Rolling Stone der 50er, die britische Ausgabe der Vanity Fair, das Magazin Nova. Mit seiner Bildsprache zählt Peccinotti zu den Größen der Fotografie, die die Kunst- und Modefotografie im 20. Jahrhundert maßgeblich prägten. Dabei begann der Designer eigentlich seine Karriere in eher unfotografischer Umgebung: Mit Coverentwürfen für ein Jazzlabel, Adverting, Grafiken und Typografie.

In den sechziger Jahren startete dann das Magazin Nova. Zunächst als Experiment geplant, setzte sich die Zeitschrift mit aktuellen Themen auseinander, mit Rassismus, Emanzipation, aber auch mit Ästhetik – in ungewöhnlich inszenierten Modefotos. Dicht mit der Kamera, dicht auch in Ausschnitten und nahe an Models, Gesichtern und Körpern, mit Bewegungsabläufen und Mehrfachbelichtung: eine ganz neue Form der Bildsprache, von beeindruckender erzählerischer Nähe. Die Geschichten, mit Freunden und professionellen Models inszeniert, in eher alltäglicher Umgebung, sind subtil in Emotionen und Sinnlichkeit. Sie wirken selbst heute, Jahrzehnte nach ihrer Entstehung, erstaunlich zeitlos und modern; und sind auf diese Weise immer noch Verführer ihrer Betrachter.

Meilenstein in Peccinottis Karriere sind zwei Ausgaben des wohl berühmtesten Kalenders der Welt: 1968 und 1969 fotografierte er den Pirelli Kalender, der mit den heutigen Ausgaben des Werkes so gut wie nichts mehr gemeinsam hat – bis auf die weiblichen Modelle. Ebenso wie in seinen Modestrecken für Nova sind die Fotos inszenierte Ausschnitte: Von Körpern und ihren Formen, die Peccinotti auf eine sinnlich geschwungene Nackenkurve, auf schlichte Linien reduziert und mit diesem Teil eines ganzen Bildes seine individuelle Geschichte über Schönheit erzählt. Von Mimik und Körpersprache, die eine Schlüsselfunktion haben für das, was die Bilder an Sinnlichkeit vermitteln sollen. Immer sind es Details, ob ein leicht geöffneter Mund, Schultern, Hüften, es sind Farben und Linien, die in ihrer reduzierten Ästhetik und Schlichtheit den Betrachter dazu reizen, die Geschichte des Bildes selbst zu erfinden und zu erzählen.

Wie ein Puzzle wirken diese Bildwelten, ein visuelles Mosaik, dessen Teile Harry Peccinotti entwirft, um seine Leser zu fesseln und bezaubern, um ihnen seine persönliche Vision von Schönheit näher zu bringen. Die Einzelteile entfalten eine erstaunliche Wirkung im Kontext ihrer Präsentation: Denn wie bei einem Puzzle verführen sie den Betrachter zu eigener Aktion. Dazu, die Details zu sortieren und zu einem neuen Ganzen zusammen zu fügen. Dazu, die in Bildern erzählten Geschichten zu enträtseln, sie um die eigenen Ebenen der Interpretation und des schon Gesehenen zu ergänzen und aus der vorgegebenen Geschichte eine neue, individuelle zu formen.

»Depth of Field«, der Titel von Harry Peccinottis Präsentation, ist klug gewählt: Im übertragenen Sinne liegt die Stärke der Bilder nicht allein in ihrer virtuos schlichten Gestaltung, sondern in deren nachträglicher Fokussierung, die ausschließlich in der Vorstellung des Betrachters stattfindet und – wie in der »schwarzen Serie« von Modefotos aus gespiegelten Bildern auf schwarzem Studioboden - Spiegelbild und Echo seiner eigenen Träume und Sehnsüchte ist.

Mehr über Harri Peccinotti: www.wikipedia.org/wiki/Harry_Peccinotti